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„Wofür?“ – Dieses kleine Fragewort hallt in meinem Kopf wider. Was wäre, wenn es nicht nur eine persönliche Sinnsuche beschreibt, sondern zum gesellschaftlichen Leitmotiv würde? Eine Welt, in der Identität und Bestimmung alles sind – und Leistung keine Rolle mehr spielt?

Willkommen in der Purpose-Gesellschaft. Hier beginnt die Sinnfindung schon im Kindergarten. Wer bist Du? Woran glaubst Du? Wofür lebst Du? Ab welchem Alter ein Kind laufen oder lesen kann, ist nie Thema. Viel wichtiger ist, wohin es greift, was es malt und worüber es schreibt – so lassen sich mögliche Berufungen früh erkennen. Kinder mit ausgeprägter emotionaler Intelligenz (EQ) stechen besonders hervor. Wer angeben will, kommuniziert nicht über die Anzahl seiner Freunde, sondern über die Tiefe seiner Beziehungen. Weniger ist mehr. Die Schule hat den Auftrag, gesunde effektive Erwachsene auszubilden – Menschen, die nur Aktivitäten nachgehen, die auf ihren Purpose einzahlen. Leistung? Wen interessiert das schon?

Doch bei der Erziehung hört es nicht auf. Das Paradigma durchdringt auch Wirtschaft, Politik, Sport und Kultur. Wofür stehe ich jeden Tag auf? Was sollen Familie, Freunde und Kollegen von mir erzählen, wenn ich einmal nicht mehr da bin? Welchen Unterschied möchte ich in ihrem Leben bewirkt haben? All diese Fragen kann ich selbstverständlich jederzeit beantworten – schon allein, um nicht als Außenseiter belächelt zu werden.

Performance und Effizienz?  Fremdwörter. Verständlich: Wenn die Tätigkeit per se richtig und erfüllend ist, dann lasse ich mir erst recht Zeit. Diese Welt kennt keine Arbeitslosigkeit. Gesetzliche Regelungen wie das Renteneintrittsalter sind völlig überflüssig: Niemand möchte freiwillig eine sinnstiftende Tätigkeit aufgeben. Die Gesellschaft trägt ihre Vision in sich und jedes Mitglied leistet seinen eigenen Beitrag dazu.

Allerdings, wenn ich kurz innehalte und reflektiere, kommen mir doch seltsame Gedanken: Wie ließe sich die sogenannte „Performance“ meines Beitrags eigentlich steigern? Aber warum, um Himmels Willen, soll ich mir diesen Stress antun und mich mit anderen messen?

Es wäre ohnehin verlorene Liebesmüh. Diese Welt tickt nun mal anders. Über Jahrtausende wurde der Mensch von Purpose und Sinnfindung konditioniert. So schnell lässt sich die Evolution nicht rückgängig machen. Warum auch? Das System hat sich bewährt, und wir fahren damit doch hervorragend. Die paar Krisen, das neue Zeitalter, der angebliche Wandel – davon lasse ich mich doch nicht von meinem Erfolgskurs abbringen!

Seine eigene Mission zu kennen, ist außerdem ausgesprochen praktisch. So lässt sich jedes effektive Unterfangen leicht einordnen: Entweder es ist mit der eigenen Identität stimmig und zahlt auf den Purpose ein – oder eben nicht. So einfach ist das. Warum hetzen und sich unnötig unter Druck setzen?

Und alle, die meinen, mir unaufgefordert mein Verhalten spiegeln zu müssen: Tut mir bitte den Gefallen und lasst es. Ich weiß, es geht effizienter, besser, schneller. Na und? Das müsst ihr mir nicht ständig unter die Nase reiben. Ich bin in meiner Komfortzone glücklich. Wer sagt denn, dass ich wachsen soll?

Liebe Freundinnen und Freunde, die liebevoll anmerken, ich würde viel über Purpose und Sinn sprechen: Danke für Euer Feedback! Ich möchte gar nicht widersprechen, sondern zwei Gedanken dazu teilen.

Zum einen bin ich davon überzeugt, dass Sinn das stärkste Motiv ist, das Verhalten dauerhaft steuert. Was für uns beide sinnstiftend ist, muss keineswegs dasselbe sein. Aber ich weiß: Du wirst nur überdurchschnittlich leisten, wenn du für die Sache brennst. Und du wirst nur für diese eine Sache brennen, wenn sie für dich sinnstiftend ist und deinen Werten entspricht. Die gute Nachricht für Unternehmen mit begrenzten Mitteln: Emotionale Bindung kostet kein extra Geld, sondern „nur“ Führung.  

Der zweite Gedanke ist der eigentliche Grund, warum ich zu Beginn dieses Artikels die fiktive Purpose-Gesellschaft beschrieben habe. Tatsächlich kann und darf es nicht nur um Purpose gehen. Wir sollen jedoch nicht in die „Entweder-Oder-Falle“ tappen – die Annahme, man müsse sich zwischen Sinnhaftigkeit und Leistungsfähigkeit entscheiden. Ich glaube vielmehr an Purpose und Performance, denn beides bedingt sich gegenseitig, wie ich es mit der Triformation beschreibe. In einer reinen Purpose-Gesellschaft würde ich vermutlich nur über Performance predigen, um das Gleichgewicht ein wenig wiederherzustellen. So ist meine Botschaft zu verstehen: In unserer Leistungsgesellschaft, in der sich von klein auf alles um Wettbewerb und Effizienz dreht, sind wir – glaube ich – gut beraten, kurz inne zu halten und uns die Sinnfrage zu stellen. Oder wohin wollen wir als Gesellschaft steuern?


Beitragsbild: Pixabay (KI-generiert)


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