Die Stapelkrise
Rutger Bregman hat leider recht, wenn er in seinem Buch Moralische Ambition schreibt: „Wer die Welt zu einem besseren Ort machen will, muss sich in diesen Tagen nicht lange umsehen.“ So sah ich neulich eine Dokumentation in der ARTE-Mediathek über die Plage der PFAS – Gift in unserem Alltag. Wieder ein völlig unnötiges Problem, eine sich anbahnende Krise, die längst hätte vermieden werden können. Die Industrie wusste bereits in den 1960er-Jahren von der Giftigkeit dieser Stoffe, und die Öffentlichkeit erfuhr durch Robert Bilott 1998 davon. Tja, zu spät. PFAS lässt sich im Blut aller Lebewesen nachweisen.
Als ob wir Menschen nicht schon genug Krisen zu bewältigen hätten. Während ein Hitzerekord den nächsten jagt, sprechen Klimawissenschaftler und Ökonomen, darunter Nicholas Stern, von der größten und grundlegendsten Transformation unserer Gesellschaft, die es in Friedenszeiten je gegeben hat. Hassen wir Menschen uns so sehr, dass wir uns immer wieder solche Probleme antun und der Stapel ständig weiter wächst?
Was, wenn es erst gar keinen Stapel gäbe?
Na ja, kann man nichts machen … oder doch? Was, wenn die Antwort auf die Herausforderungen unserer Zeit sowohl verblüffend einfach als auch eine Zumutung für uns Menschen wäre? Seitdem ich das Modell der Triformation entworfen habe und die Welt zumindest teilweise mit der Purpose-Linse betrachte, komme ich immer wieder auf dieselbe Hypothese zurück, ganz gleich, ob es um eine kleine lokale Herausforderung oder eine große globale Krise geht: Hätten alle Beteiligten rechtzeitig Linse 2 aufgesetzt, müssten wir das Problem gar nicht aus der Welt schaffen, weil es gar nicht erst entstanden wäre.
Was meine ich damit – und was ist überhaupt eine Linse? Darunter verstehe ich eine Grundhaltung, mit der wir der Welt begegnen. Wir suchen sie uns nicht bewusst aus. Sie wird uns mit der Geburt aufgesetzt, durch die Erziehung justiert und im Laufe des Erwachsenwerdens gefestigt.
Linse 1
Wie die allermeisten Menschen in der westlichen Welt bin auch ich mit Linse 1 aufgewachsen. Ich erkenne sie in mir wieder, wenn ich schnell etwas voranbringen und Ergebnisse erzielen will, wenn ich der Beste oder Schnellste sein möchte und kurzfristige Ziele in den Vordergrund rücken. Ihre Einseitigkeit zeigt sich dort, wo das große Ganze und die Perspektiven anderer aus dem Blick geraten. Es ist wie eine Muttersprache, deren Codes und Grundannahmen tief in mir verankert sind. Auch wenn mir diese Weltanschauung heute bewusst ist, kann ich sie nicht einfach ablegen: Bewusstsein hebt die Prägung nicht auf.
Linse 2
Doch es gibt eine andere Grundhaltung, mit der wir der Welt begegnen können: Linse 2. Sie richtet den Blick auf das Wofür, auf die Wirkung unseres Handelns und auf die Menschen, die davon betroffen sind. Diese Perspektive schafft Raum für Zusammenhänge, langfristiges Denken und ein gelasseneres Handeln.
Zwei Linsen, unzählige Gesichter
Seit mir diese beiden Linsen bewusst sind, beobachte ich sie nicht nur in alltäglichen Situationen, sondern auch in Theorien, Modellen und Konzepten. Zum Beispiel unterscheidet Daniel Kahneman zwischen System 1 und System 2, Douglas McGregor zwischen Theorie X und Theorie Y. Auch Rutger Bregman stellt in Im Grunde gut zwei gegensätzliche Menschenbilder gegenüber: die von Thomas Hobbes und Jean-Jacques Rousseau.
Der Mensch im Naturzustand ist dem Menschen ein Wolf. Ohne Kontrolle, ohne Regeln und ohne starke Führung geht es schief. Ordnung entsteht nur durch Macht und enge Leitplanken. Das ist die Hobbes-Linse.
Jean-Jacques Rousseau sah es anders. Für ihn war nicht der ursprüngliche Mensch das Problem, sondern die Zivilisation, die Ungleichheit und Besitz hervorbringt. Der Mensch ist von Natur aus gut. Nicht unfehlbar, aber grundsätzlich kooperativ, empathisch, auf Gemeinschaft ausgerichtet.
Beide Denker sind längst tot. Aber ihre Linsen wirken bis heute weiter. Auch ich war lange ein ziemlich überzeugter Hobbes-Träger. Ohne es zu merken. Die Linse hatte ich nicht gewählt – ich hatte sie geerbt.
Geduld mit der eigenen Prägung
Die Vorstellung, dass alle Menschen zuerst Linse 2 aufsetzen, klingt utopisch. Wenn Prägungen tief sitzen, kostet ein bewusster Perspektivwechsel Kraft. Vielleicht geht es also gar nicht darum, Linse 2 ständig zu tragen. Vielleicht liegt der Schlüssel darin, sie rechtzeitig aufzusetzen. Viele Probleme mögen dann gar nicht erst entstehen, und der Stapel gar nicht erst so hoch werden.
Deshalb wäre es zu einfach und manichäisch, Linse 1 abzuschreiben. Unser System 1, das schnelle Denken, liegt meist richtig und hat in der Menschheitsgeschichte gute Dienste geleistet. Management, Effizienz und Ergebnisse sind per se nicht schlecht. Das Problem ist nur, dass wir verlernt haben, die Welt auch durch Linse 2 zu sehen. Doch was wir verlernt haben, lässt sich wiederentdecken.
Die Linse mal wechseln
Jeder von uns kennt Situationen, die eskaliert sind und zu einem Streit geführt haben, obwohl das gar nicht beabsichtigt war. Stellen wir uns vor, wir geraten noch einmal in eine solche Auseinandersetzung und schaffen es, rechtzeitig Linse 2 aufzusetzen. Wir handeln nicht selbstbezogen, sondern serviceorientiert. Wir drücken unsere Sicht nicht einfach durch, sondern hören empathisch zu und versuchen, unser Gegenüber zu verstehen. Wir denken nicht nur logisch und rational, sondern berücksichtigen auch die psychologischen und emotionalen Aspekte der Situation.
Was könnte dieser Linsenwechsel bewirken?
Und welche Linse setze ich auf, wenn ich die Situation und die Absichten meines Gegenübers noch nicht einschätzen kann?

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