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Es ist über 20 Jahre her, aber ich erinnere mich noch genau an die Vorlesung, in der ich zum ersten Mal über Peter Druckers berühmten Satz stolperte:
„Es ist besser, die richtige Arbeit zu tun, als eine Arbeit nur richtig zu tun.“

Ich nickte damals überzeugt – „Das weiß doch jeder!“ –  und machte weiter wie bisher. Ich sah keinerlei Anlass, die „richtige Arbeit“ zu hinterfragen. Leistung war für mich per se gut. Effizienz sowieso. So war ich sozialisiert: zu Hause, in der Schule, im Studium und später im Job. Ohne Fleiß kein Preis. Und wenn Leistung mit Wirksamkeit gleichgesetzt wird, bleibt nur noch die Frage, wie effizient ich eigentlich bin.

Was ich damals nicht ahnte: Diese Gleichsetzung führt in eine gedankliche Falle, die erstaunlich oft übersehen wird. Denn zu behaupten, Effektivität sei wichtiger als Effizienz, klingt logisch – suggeriert aber gleichzeitig, dass ineffektive Effizienz auch gut ist.

In meinen Trainings stelle ich gerne eine kleine Übung vor. Ich frage die Teilnehmenden: „Was würdet ihr an Stelle der blauen Figur machen – die Gondel nehmen oder zu Fuß gehen?“

Die Gondel wirkt auf den ersten Blick attraktiv: bequem, schnell, effizient. Doch wohin fährt sie eigentlich? Stell dir vor, du sitzt in dieser Gondel. Sie läuft reibungslos, beschleunigt mühelos den Hang hinauf – und endet an einem völlig falschen Gipfel. Ein beeindruckender Gipfel vielleicht, aber eben nicht deiner.

Das ist Effizienz ohne Effektivität: Wir bewegen uns schnell, aber in die falsche Richtung. Und je schneller wir werden, desto weiter entfernen wir uns vom Ziel.

Das Tragische ist: Je mehr wir in die Gondel investiert haben, desto schwerer wird es, auszusteigen. An Richtungswechsel, Umkehr oder sogar Neustart ist gar nicht zu denken. Teams haben Monate durchgearbeitet. Budgets sind geflossen. Egos hängen dran. Hoffnungen auch. Wer will dann noch sagen: „Wir haben uns verrannt“?

Dann lieber: „Die Gondel brauchen wir so nicht ganz, aber es war trotzdem ein tolles Projekt. Danke für die großartige Leistung!“

Autsch. Ineffektivität ist nicht nur ein betriebswirtschaftliches Desaster. Sie ist eine Zumutung für uns Menschen – und führt früher oder später unweigerlich zur innerlichen Kündigung.

Kommt dir das bekannt vor? Wer nach Ineffektivität Ausschau hält, findet sie überall. Und das Ausmaß der Ressourcenverschwendung ist teilweise schwindelerregend.

Aber warum ist das so? Warum sind wir so besessen von Effizienz? Es scheint, als wären wir erneut einer kognitiven Illusion hilflos ausgeliefert. Ich nenne sie die Effizienz-Verzerrung.

Die Effizienz-Verzerrung ist deshalb so tückisch, weil wir sie kaum erkennen. Effizienz wird gefeiert. Schnelligkeit belohnt. Leistung bewundert. Und genau deshalb übersehen wir, dass wir uns manchmal einfach nur schneller vom Ziel entfernen.

Wie so viele kognitive Illusionen ersetzt die Effizienz-Verzerrung eine schwierige Frage durch eine wesentlich leichtere – ohne dass wir den Tausch überhaupt bemerken.
Nicht mehr: „Sind wir auf dem richtigen Weg?“
Sondern: „Wie schnell sind wir unterwegs?“

Die eine Frage braucht Reflexion, die andere eine Stoppuhr. Es ist eine einfache psychologische Ersetzung, eine Heuristik, die je nach Projektphase ihre eigene Tücke entwickelt.

  1. Vor dem Projekt – Die Euphorie: „Wir brauchen die Gondel! Andere machen das auch!“ Risiken verschwinden im Begeisterungsnebel.
  2. Während des Projekts – Die Loyalität: Kritische Fragen wirken wie persönliche Angriffe. Niemand möchte der Spielverderber sein.
  3. Nach dem Projekt – Das Schönreden: „Ups… falscher Berg. Aber das konnte keiner ahnen, jetzt hängen wir halt dran.“ Kennt man.

Versteht mich bitte nicht falsch. Effizienz ist per se nicht schlecht, vorausgesetzt wir handeln effektiv. Doch zu oft lenkt sie uns genau davon ab, nämlich unsere wahre Bestimmung zu erkennen – oder ihr treu zu bleiben.

Ich weiß, wie schmerzhaft diese Erkenntnis sein kann, denn ich bin selbst viele Jahre in dieser Logik groß geworden. Leistung, Tempo, Durchhalten – das war meine Währung. Und nein: Das war nicht falsch. Im Gegenteil. Ich habe auf diesem Weg viel gelernt, viel erreicht und bin daran gewachsen.

Nur habe ich irgendwann gemerkt, dass Effizienz ohne Richtung nicht neutral ist, sondern gefährlich. Diese Einsicht kam nicht plötzlich. Sie brauchte Zeit, Coaching und Selbstreflexion.

Und ganz ehrlich: Ich bin immer noch nicht immun dagegen. Effizienz bleibt verführerisch – gerade heute, in Zeiten der KI‑Hypes, in denen alles schneller und bequemer scheint.

Genau deshalb lohnt es sich, kurz innezuhalten und sich eine einfache Frage zu stellen:
Inwiefern sabotiert die Effizienz‑Verzerrung gerade unsere Strategie, sei es persönlich, organisatorisch oder gesellschaftlich?


Beitragsbild: Foto von Gerd Altmann from Pixabay

Grafik: © Guillaume Tréfeu (alle Rechte vorbehalten)


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